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Grenzen zu setzen ist Selbstfürsorge

Eine Einladung kommt. Wir spüren, dass wir eigentlich absagen wollen – und stimmen trotzdem zu. Dahinter stehen die Sorge um die Beziehung zu den Einladenden, der Wunsch, gemocht zu werden oder einfach auch, dass es auf den ersten Blick leichter scheint, zuzustimmen als zu verneinen.


Dabei kann ein „Nein“ vor Überlastung schützen und Beziehungen sogar stärken: Sie können dadurch ehrlicher, klarer und fairer werden. Denn Grenzen sind im Alltag wichtig, und ein respektvolles „Nein“ macht sie deutlich.

Selbstschutz ist kein Egoismus

Grenzen zu setzen, wird oft mit Egoismus verwechselt. Egoismus bedeutet, eigene Interessen durchsetzen, ohne dabei die Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen. Egoistischen Menschen fällt das „Nein“-Sagen leichter, da sie meist nur auf ihre eigenen Interessen konzentriert sind. 

„Nein“-Sagen aus Selbstschutz hat damit nichts zu tun. Es bedeutet, auf die eigenen Kräfte, die eigene Zeit und die Seelische Gesundheit zu achten – aber ohne dabei andere abzuwerten. Denn ohne klare Grenzen wächst häufig die Belastung: Erschöpfung, innere Unruhe, Gereiztheit oder das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, machen sich breit. Das erhöht langfristig das Risiko für psychische Überlastung, die nach außen wirkt und unter der dann auch die Personen im Umfeld leiden. Ein klares „Nein“ zur richtigen Zeit schützt daher nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Qualität der Beziehungen. Es vermeidet, dass aufgestauter Druck irgendwann aus Versehen unkontrolliert nach außen kippt – und dabei vielleicht Wunden hinterlässt, die Beziehungen nachhaltig schaden.

Warum vielen ein „Nein“ schwer fällt

Grenzen zu setzen ist eine Fähigkeit, keine „Begabung“ – es muss nicht angeboren sein, sondern kommt aus etwas, das wir durch Erfahrungen lernen. Harmonie, die die Bedürfnisse aller berücksichtigt, ist eine gute Sache. Wer aber irgendwann gelernt hat, dass Harmonie über den eigenen Bedürfnissen stehen soll, wird später oft ungern etwas ablehnen, was andere verlangen. Dazu kommt der gesellschaftliche Druck: Hilfsbereitschaft, Anpassung und Verfügbarkeit werden als positive Werte angesehen. Wer Grenzen zieht, hat oft Sorge, als selbstsüchtig und rücksichtslos wahrgenommen zu werden.

Nähe braucht Abstand

In Familie und Freundschaft berühren Grenzen schnell die Beziehung selbst. Dann wirkt das „Nein“ nicht nur einfach wie eine Absage, sondern wie Distanz oder der Verlust von Zuneigung. Trotzdem gilt: Ehrlichkeit über das eigene Befinden schützt vor stiller Unzufriedenheit. Gesunde Grenzen können sehr konkret gesetzt werden: Besuche können freundlich abgesagt werden, wenn die Energie dafür fehlt. Man muss nicht bei jedem Konflikt der/die Vermittler*in sein. Bei Gesprächen sind Grenzen erlaubt, wenn es gerade zu viel ist. Ein Satz, der entlastet, ohne Druck aufzubauen, ist zum Beispiel: „Ich kann darüber gerade nicht sprechen. Lass uns das auf nächste Woche verschieben.“ Grenzen sind hier kein Rückzug, sondern eine Form von Verantwortungsbewusstsein der eigenen Stabilität gegenüber. Gerade dort, wo es um persönliche Beziehungen geht, ist aber wichtig, dass wir auch anderen ihre Grenzen zugestehen. Wenn ich heute absage, weil ich müde bin, darf mein Freund oder meine Freundin morgen auch ein nicht wirklich dringendes Telefonat mit mir verschieben, weil gerade seine oder ihre Lieblingsserie läuft. Wichtig ist, dass uns allen dabei klar ist: Die Absage ist keine Ablehnung, sondern eine Grenzziehung, die dem anderen gerade wichtig ist.

Grenzenlose digitale Erreichbarkeit

Digitale Kommunikation macht Grenzlosigkeit leicht: Nachrichten kommen jederzeit, und oft entsteht das Gefühl, schnell antworten zu müssen. Dadurch werden Abende, Ruhepausen, Wochenende und Urlaube entwertet – echte Erholung bleibt aus. Das betrifft nicht nur den beruflichen Bereich: Ob der/die Chef*in noch „schnell eine Frage hat“ oder Freund*innen unbedingt „ganz dringend“ über den Tag chatten wollen, ist dabei ganz egal. Wenn es uns gerade zu viel ist, kann beides leicht zur digitalen Grenzüberschreitung werden. Grenzen können aber gerade in diesem Bereich sehr einfach gesetzt werden, indem: 

  • Benachrichtigungen außerhalb bestimmter Zeiten stumm geschaltet werden,
  • Reaktionszeiten bewusst gewählt werden,
  • das Handy manchmal, z. B. beim Spaziergang, bewusst daheim gelassen wird,
  • berufliche und private Kanäle klar getrennt werden. 

Auch wenn es für viele ungewohnt ist: Nicht immer sofort auf jede Nachricht zu antworten, ist Selbstfürsorge und hilft dabei, Tempo und Raum wieder selbst zu bestimmen.

Grenzen im Beruf sind keine Faulheit

Der Arbeitsalltag ist für viele Menschen ein Ort, an dem Grenzen schleichend verschwinden: Überstunden werden normal. Aufgaben werden ohne klare Vereinbarung zugewiesen. Es wird erwartet, dass rasch und ohne Beschwerde reagiert wird. Wichtig ist, dass wir uns bewusst machen: Grenzen im Beruf zu setzen, heißt nicht „weniger zu leisten“. Es geht darum, Erwartungen zu klären. Hilfreich ist eine sachliche Kommunikation, die Raum schafft: „Ich kann das bis Freitag erledigen. Für Aufgabe X brauche ich dafür Unterstützung.“ oder „Für diese Woche schaffe ich zwei der drei Aufgaben. Welche sollen wir verschieben?“ Das wirkt professionell – und entlastet auch das Team. Und viele Arbeiten sind bei näherer Nachfrage bei weitem nicht so dringend, wie es anfangs wirkt. 

Wie „Nein“-Sagen respektvoll gelingt

Respektvoll gesetzte Grenzen sind klar und gleichzeitig wertschätzend. Dafür helfen ein paar Grundprinzipien.

  • Ich-Botschaften statt Vorwürfe: „Ich bin gerade überlastet“ wirkt anders als „Du verlangst immer zu viel“. 
  • Kurz bleiben: Ein klares „Nein“ muss nicht ausführlich begründet werden. Eine kurze Erklärung reicht aus. 
  • Bei der Grenze bleiben: Wenn Druck durch andere jedes Mal zu einer Rücknahme des „Nein“ führt, verliert dieses schnell seine Wirkung.

Grenzen setzen lässt sich üben

Kleine Absagen im Alltag, kurze Sätze oder die Definition klarer Zeiten für bestimmte Handlungen – all das sind gute Wege, um damit anzufangen, Grenzen mit Respekt und zugleich selbstbewusst zu setzen. Mit der Wiederholung wächst die Sicherheit. Die Wiener Volkshochschulen (VHS) bieten Kurse wie „Gekonnt Grenzen setzen“ oder „Grenzen setzen – Klarheit schaffen“. WIENXTRA bietet über die Wiener Bildungschancen interaktive Workshops zum Thema „Grenzen setzen“ für Kinder und Jugendliche an. Sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und sie klar, aber freundlich einzufordern, tut uns und unseren Beziehungen gut. Denn wer lernt, klar „Nein“ zu sagen, sagt damit auch „Ja“ zu eigenen Bedürfnissen, zu passender Erholung und zu Beziehungen auf Augenhöhe.